Begegnungen

Zufälliges Gedicht:

warten

wenn das vergebliche warten
vorbei ist
werde ich nach hause
gehen
die restlichen seiten des buches lesen
mich ins bett legen
und
weinen

Sommerabend

Es war einer jenen milden, noch richtig warmen Sommerabende, an denen aus fast jedem Garten der Geruch von Feuer und ge­grilltem Fleisch, Musik, Stimmen und Lachen weht, an denen die Menschen nicht in der Kneipe, sondern davor sitzen und an denen ein besonderes Gefühl in der Luft liegt, denn mehr als sonst sind Paare zu sehen, die Arm in Arm, das Licht der Laternen eher meidend als suchend, durch die abendlichen Straßen spazieren.

Auch mich hatte es hinaus getrieben, um diese Stimmung zu ge­nießen und so schlenderte ich vorbei an den Gärten mit ihren Gerüchen und blieb auf ein Glas vor der Kneipe mit den la­chenden Menschen, um mich dann im spärlich beleuchteten Park auf eine Bank zu setzen und die Paare zu beobachten, die an mir vorbei kamen. Manchmal setzten sie sich auch auf die Bank gegenüber und wenn ich ehrlich bin, sah ich es nicht ohne ein wenig Neid, wenn sie sich küßten und deutlich zeig­ten, daß sie heute Abend glücklich miteinander sind. Doch es macht mich froh, solche glücklichen Menschen zu sehen.

Aber ich war nicht der einzige, der diesen Abend alleine verbrachte. Ein Mann kam den Weg entlang, sein Gang war schwer, sein Blick auf den Boden gerichtet. Er schien die Paare mit ihrem Glück nicht zu sehen und diesen Abend nicht zu genießen. Er ließ sich auf die gegenüberliegende Bank ­hinab, und ich glaubte dabei einen Seufzer zu hören. Lange saß er so da, das Gesicht in die Hände gegraben, als weine er, bis er wieder aufstand und weiterging, langsam und scheinbar ohne Ziel, denn an der Kreuzung hielt er noch ein­mal kurz an, als wisse er nicht, welcher Weg der richtige für ihn sei.

Ich blieb noch eine Weile sitzen und dachte darüber nach, was wohl in diesem Mann vorging, warum er offensichtlich so niedergeschlagen war und ob ich ihn hätte ansprechen sollen.

Doch solche Gedanken paßten nicht zu diesem Abend daher vertrieb ich sie und widmete mich wieder dem Paar, das in­zwischen seinen Platz eingenommen hatte und ganz besonders glücklich zu sein schien. Ach, warum sitze ich hier nicht Arm in Arm mit einem Menschen, den ich liebe, warum darf ich niemandem einen Kuß geben und warum ist niemand hier, dem ich sagen kann "Ich liebe dich" und der mich dafür umarmt.

Die beiden gegenüber unterhielten sich leise, während ihre Hände miteinander spielten. Die Luft trug Bruchstücke ihrer Liebeserklärungen zu mir herüber. Sie sagte etwas zu ihm und er fiel ihr um den Hals und nach einem langen, zärtlichen Kuß standen sie auf und gingen Arm in Arm, eng aneinander ge­schmiegt, ihr Kopf auf seine Schulter gestützt, weiter.

Es war spät geworden und auch ich machte mich auf den Heim­weg, die Worte, die Bilder, die Zärtlichkeiten dieses Abends noch im Kopf und in meiner Phantasie überlegte ich, was ­diese Frau wohl zu dem Mann gesagt hatte, daß er sie so glücklich umarmte.

Auf der Brücke traf ich den einsamen Mann wieder. Er lehnte am Geländer und sah auf das Wasser. Als er mich kommen hörte hob er den Kopf und für einen kurzen Moment traf sich unser Blick. In seinem lag etwas so entsetzlich trauriges, daß ich erschauderte und unbewußt meinen Schritt beschleunigte, um möglichst schnell an ihm vorbei zu kommen.

Daheim legte ich mich ins Bett und schlief bald ein. Diese Nacht träumte ich von einem Sommerabend zu zweit, von Wärme, Zärtlichkeit und Liebe und von zwei wäßrigen, traurigen Au­gen.

 

Einmal noch sah ich das Gesicht dieses Mannes, denn zwei Ta­ge später war sein Bild in der Zeitung, daneben eine kurze Nachricht, daß man ihn tot aus dem Fluß gefischt hatte.