jetzt
nachdem ich den brief eingeworfen habe
fühle ich mich
besser
weil ich weiß
daß am anderen ende des briefkastens
jemand
sitzt
der mir zuhört
Ein kommentiertes Protokoll
Prolog:
Ahn `ner Leitplank
Dä Bloomestruuß woor jet ze bunt,
wie‘e deplaziert do, ahn der Leitplank stund,
paar Gladiole, en Crysantheme
iner Kirmesvaas, zwesche paar Stein.
Fahr draan vorbei
”Oh Mann”, denk ich mir dobei,
”Wie flöck dat jeht,
dat et ding Jlöck nit mieh deit”.
Un für‘n Sekund
ess et su, als ob ich he stund.
Ne Knall – Ne Schrei,
Schluß – Aus – un alles vorbei.
Hühr die Sirene, et rüsch verbrannt
sinn Bloot vun einem, dä ich nit kannt.
Ne Krankewaare, Polizei
nit ens `ne Stau, des Nahx öm drei.
Un durch die Kurv,
en der vüür kootem wer sturv,
pulsiert Verkehr,
wie eh un je, hin un her.
Ne Ölfleck nur,
hinger `ner koote Bremsspur,
met Sand kaschiert,
als wöhr he janix passiert ....
Dä Bloomestruuß woor jet ze bunt,
wie‘e deplaziert do, ahn der Leitplank stund,
paar Gladiole, en Crysantheme
iner Kirmesvaas, zwesche paar Stein.
(Von BAP aus dem Album: Vun drinne noh drusse)
Aufnahme und Verlaufsbericht
Patientin:*, *, geboren am *.*.1984
Anamnese:
Die Patientin wird angekündigt als Thoraxverletzung nach Verkehrsunfall. Sie wird in Notarztbegleitung um 02:20 Uhr eingeliefert. Nach Angaben der Notärztin und des Rettungspersonals sei sie als nicht angeschnallte Beifahrerin mit dem PKW ohne Fremdfahrzeugeinwirkung von der Fahrbahn abgekommen. Dabei sei sie aus dem Fahrzeug geschleudert worden.
Um 2 Uhr in der Nacht weckte mich das Telefon:
„Andreas hier“ meldete sich der Nachtpfleger, „ich wollte nur Bescheid sagen: Die Leitstelle hat angerufen, sie bringen eine junge Frau nach Verkehrsunfall, Thoraxtrauma.“
„OK“ brummte ich. Ich war gerade eingeschlafen. Bisher war es relativ ruhig gewesen, aber im Dienst schlafe ich häufig schlecht ein.
Ich stand auf. Bei den meisten Ankündigungen bleibe ich liegen und warte, bis sie tatsächlich kommen, ärgere mich höchstens darüber, dass ich schon vorher geweckt worden bin, weil irgend jemand meinte, er müsse mir einen Patienten ankündigen, auf den ich dann sowieso erst warten muss, bis ich irgendetwas machen kann. Aber bei einer Ankündigung wie dieser, weis man nie, wie schwer die Verletzungen wirklich sind. Bei einem Thoraxtrauma ist es besser, bereit zu stehen, auch wenn es hinterher nur eine Rippenfraktur ist. Komisch ist auch, dass die Leitstelle sich damit begnügte, dem Pfleger Bescheid zu sagen. Normalerweise wollen sie bei jeder Bagatelle mit dem Arzt sprechen. Jedenfalls stehe ich auf und gehe nach unten, frage noch einmal nach, ob sie noch etwas besonderes gesagt hätten. Andreas verneint. Also gut, hört sich soweit nicht dramatisch an. Trotzdem, Verkehrsunfall mit Thoraxtrauma: Es bleibt ein komisches Gefühl.
Um 2:15 Uhr kommen sie: Aber der Mensch, den sie auf der Trage haben, sieht nicht wie eine junge Frau nach Verkehrsunfall aus. Es ist ein betrunkener Schotte, der hingefallen ist und irgend jemand meinte, er könne eine Gehirnerschütterung haben. Ich verdrehe die Augen. Das ist wieder typisch Leitstelle. Einen Patienten ankündigen und zwei schicken, nach dem Motto: Der ist ja jetzt sowieso wach.
Dieser Mensch auf der Trage sieht aus wie ein betrunkener Schotte. Aber eine Gehirnerschütterung kann er auch haben, ansprechbar ist er jedenfalls nicht. Wenigstens sind die Pupillen gleich groß.
Jetzt kommen sie auch mit der angekündigten Patientin. Es ist ein sechzehnjähriges Mädchen, sieht soweit fit aus, ein bisschen blass vielleicht. Spricht mit uns aber völlig normal (was für 16 jährige Mädchen heutzutage nachts um 3 normal ist), lacht sogar, sieht das ganze eher als ein Abenteuer.
Übergabe der Notärztin: Verkehrsunfall als nicht angeschnallte Beifahrerin. Der Freund von ihr sei gefahren. Auf Rollsplitt von der Straße abgekommen und überschlagen. Schmerzen rechter Brustkorb und Oberbauch. Verdacht auf Pneumothorax wegen Knistern der Haut (Hautemphysem). Bei Transport kreislaufstabil.
Ich kümmere mich zunächst um das Mädchen, der Schotte kann warten.
Körperlicher Erstbefund:
Die Patientin ist wach und orientiert, kann kommunizieren und Angaben zur Person machen. Wird mit Stiff-Neck und Sauerstoffapplikator versorgt eingeliefert. Inspektorisch zeigen sich oberflächliche Schürfungen am Thorax, vor allem imBereich des Sternums und der rechten Thoraxseite. Die Patientin zeigt eine mäßige Dys- und Tachypnoe. Palpatorisch findet sich ein tastbares Knistern im Sinne eines Hautemphyhsems über beiden Thoraxseiten. Weiterhin findet sich Druck und Thoraxkompressionsschmerz beidseitig vor allem im unteren Thoraxbereich. Wirbelsäule, Kopf, Becken und Extremitäten sind bei klinisch orientierender Prüfung unauffällig, alle Extremitätengelenke sind aktiv freibeweglich. Das Abdomen ist gebläht, aber insgesamt weich, ohne eindeutige Abwehrspannung.
Der Check-up bei dem Mädchen ergibt außer demThorax-/Oberbauchtrauma und dem Hautknistern nichts neues; Extremitäten frei beweglich, Abdomen insgesamt weich, Becken, Wirbelsäule, Halswirbelsäule, Kopf und Pupillen unauffällig. Wir legen sie gleich auf den Röntgentisch: Thoraxbild machen und gleich entwickeln. Dann das Stammskelett: Schädel, HWS, BWS, LWS, Becken. Das Thoraxbild ist fertig, zeigt wie zu erwarten einen Pneumothorax links. Außerdem Rippenfrakturen rechts und Zwerchfellhochstand rechts. Erst mal eine Thoraxdrainage legen, schnell das Zeug zusammengesucht. Dann die Klamottenaufgeschnitten.
„Nein“ ruft das Mädchen, „die sind nur geliehen“.
„Pass mal auf“, sage ich, „hier geht es nicht um Klamotten,hier geht es um Dein Leben.“ Das klingt zu diesem Zeitpunkt noch etwas theatralisch.
Also Thoraxdrainage rein, von der Lunge her kann erst mal nichts mehr schief gehen. Seit eintreffen sind etwa 10 Minuten vergangen. Jetzt ist es Zeit, den Oberarzt anzurufen. Noch geht es dem Mädchen gut und ich denke, es wäre bereits versorgt. Der Oberarzt macht sich auf den Weg, braucht etwa 5-10 Minuten. In der Zwischenzeit, während die restlichen Röntgenaufnahmen gemacht werden, mache ich den Ultraschall vom Bauch. Jetzt ändert sich das Bild schlagartig! Im Bauch ist so viel freie Flüssigkeit, wie ich bisher zumindest unfallbedingt, noch nicht gesehen habe. Das passt nicht, weder zum klinischen Bauchbefund noch zum Allgemeinzustand, aber es ist nicht wegzudiskutieren. Das bedeutet sofort OP. OP-Personal und Anästhesie werden informiert. Inzwischen verschlechtert sich auch der Zustand des Mädchens: Puls und Atmung werden schneller, sie trübt langsam ein. Also intubieren.
Apparative Untersuchungen:
Es wird zunächst eine Röntgenaufnahme des Thorax im Liegen angefertigt. Dabei zeigen sich eindeutige Rippenfrakturen 8-11 rechts und fragliche Rippenfrakturen 5-7 links. Weiterhin zeigt sich links ein deutlicher Pneumothorax sowie ein ausgedehntes Hautemphysem. Aufgrund der begleitenden Dyspnoe erfolgt die sofortige Einlage einer Bülau-Drainage links. Es erfolgen eine nochmalige Röntgenaufnahme des Thorax sowie des Schädel, der HWS, der BWS, der LWS und des Beckens im a.p.-Strahlengang wobei sich keine eindeutigen weiteren Frakturzeichen ergeben. Außerdem erfolgt die Durchführung einer Abdominalsonographie, bei der sich massiv freie Flüssigkeit im Unterbauch und rechten Oberbauch zeigt. Die Leber zeigt eine Strukturauflockerung des rechten Leberlappens, jedoch keinen eindeutigen Flüssigkeitssaum.
Während sie intubiert wird, trifft der Oberarzt ein. Sieht sich die Bilder an, hält selbst noch mal den Schallkopf auf den Bauch. Jetzt sind alle da: Anästhesist und Anästhesiepfleger, OP-Personal ist informiert, Diagnosen sind gestellt, Thoraxdrainge gelegt. 25 Minuten sind seit dem Eintreffen vergangen, akzeptable Zeit. Mein Teil ist erst einmal erledigt, sie muss jetzt in den OP gebracht werden, dann sind zunächst die Anästhesie und der Oberarzt als Operateur dran.
Präoperativer Verlauf:
Während der Diagnostik bleibt die Patientin zunächst wach und stabil, erst zuletzt entwickelt sich bei der Patientin eine zunehmende Tachypnoe. Um 02:45 sind alle Untersuchungen abgeschlossen, die Patientin wird jedoch zunehmend schläfriger, blasser und trübt ein. Daher erfolgt noch in der Röntgenabteilung die Intubation und Einleitung der Beatmung. Anschließend wird die Patientin in den OP-Bereich gebracht, wo sie um 3:00 Uhr eintrifft.
Präoperative Diagnosen:
Polytrauma nach Verkehrsunfall mit
-
Stumpfes Bauchtrauma mit massiver intraabdomineller Einblutung (ICD 10: S36.9)
-
SchweresThoraxtrauma mit Rippenserienfrakturen beidseits und traumatischem Pneumothorax links (ICD 10: S22.4B, S27.0L)
Aber der Anästhesist ist noch mit ihr beschäftigt, so dauert es noch einen Moment, bis sie in den OP kommt. Inzwischen kümmere ich mich wieder um den Schotten: Weiterhin keine Pupillendifferenz oder sonstige dramatische Auffälligkeiten außer seinem Rausch. Also erst einmal auf Station. Nachdem er versorgt ist und die Papiere fertig sind, gehe ich auch in den OP.
Als ich reinkomme haben sie immer noch nicht angefangen, ich komme gerade rechzeitig. Der Oberarzt macht den Bauch auf, nicht hektisch, eher wie bei einer normalen Bauchoperation. Kaum ist das Bauchfell offen, entleeren spontan gleich 2 Liter Blut, weiteres Blut wird aus dem Bauch kontinuierlich abgesaugt. Der Oberarzt tastet die Bauchorgane ab, sehen kann man sowieso noch nicht viel. Milz scheint in Ordnung, aus dem Unterbauch holt er einige Brocken heraus, sieht nach Leber aus. Die Leber ist eingerissen und zum Teil auch zerfetzt. Die Durchblutung der Leber kann man recht einfach für eine gewisseZeit unterbinden, wenn man die in einem Strang zuführenden Gefäße abbindet,dann sollte auch die Blutung stehen. Es wird auch wirklich weniger. DerOberarzt lässt den Chef rufen, der ist Gefäßchirurg und kann auch die Leber resezieren. Der Chef ist schnell da, gemeinsam mit dem Oberarzt wird jetzt etwa die Hälfte des rechten Leberlappens reseziert. Das geht auch ganz gut: Schneiden bis ein größeres Gefäß kommt, dann mit der Clipzange einen Clipgesetzt.
Operativer Verlauf
Nach medianer Laparotomie entleeren sich 4-5 Liter Blut. Die intraabdominelle Inspektion ergibt eine schwere Kontusion und Zerquetschung des rechten Leberlappens als Ursache der Massenblutung. Es erfolgt die intraabdominelle Blutstillung durch vorübergehende Unterbindung der Leberdurchblutung und anschließender Leberteilresektion des betroffenen Leberanteiles.
Obwohl die Leberdurchblutung unterbunden ist, hört dieBlutung nicht ganz auf. Außerdem kommen jetzt die Anästhesisten in Bewegung,dem Mädchen geht es zunehmend schlechter. Obwohl sie massenweise Infusionen und eine Blutkonserve nach der anderen in sie hineinschütten, macht der Kreislaufnicht mehr mit, sie müssen Herzmassage machen. Chef und Oberarzt machen trotzdem weiter, suchen nach der Ursache der weiteren Blutung. Es findet sich hinter der Leber ein Einriss der großen Hohlvene. Das ist eine Verletzung, an der man sterben kann, wenn man sie auf dem OP-Tisch liegend zugefügt bekommt. Dass es das Mädchen überhaupt so lange und bis hierher durchgestanden hat, ist nahezu ein Wunder. Das liegt nur daran, dass ein so junger Mensch einen riesigen Blutverlust verkraften kann, ab einem bestimmten Punkt dafür dann aber um so schneller dekompensiert. An ein Nähen des Gefäßeinrisses ist nicht zudenken, schon gar nicht unter der Reanimation. Dies ist ihr Todesurteil.
Dabei zeigt sich zusätzlich ein Einriß der Vena cava inferior. Trotz der operativen blutstillenden Maßnahmen und Massentransfusion mit 7 Erytrozytenkonzentraten erleidet die Verletzte gegen 04:00 einen Herzstillstand, der auch durch sofort einsetzende Reanimationsmaßnahmen mit Herzmassage nicht behoben werden kann. Aufgrund der schwerwiegenden Verletzungen und der erfolglosen Reanimationsbemühungen wird die Reanimation um 04:16 Uhr eingestellt und diePatientin verstirbt.
Keiner zeigt irgendeine größere Reaktion, alle machen ihre Arbeit, der Oberarzt schreibt seinen OP-Bericht, das OP-Personal räumt die Instrumente weg, die Anästhesie baut die Infusionen und die Beatmungsgeräte ab. Ich gehe wieder runter in die Ambulanz. Hier sitzt inzwischen auch der Freund des Mädchens, der das Auto gefahren hat. Es ist meine Aufgabe, ihm den Tod der Freundin beizubringen. Das ist nicht so ganz einfach. Ich nehme den Internisten von der Intensivstation als moralische und psychische Unterstützung mit. Es hat keinen Sinn drumherum zu reden, ich sage es direkt:
„Deine Freundin hat es nicht geschafft!“ und als er mich erstaunt und fragend anblickt ergänze ich: „Sie ist tot!“
Wie erwartet überrascht es ihn völlig, sie war doch noch wach und ansprechbar, als er sie das letzte Mal gesehen hat, und so schlimm hat es doch auch nicht ausgesehen. Er bricht in Tränen aus, lässt keinen von uns mehr ran, will auch nicht mehr auf Verletzungen untersucht werden, auch keine psychologische oder seelsorgerische Hilfe, will nur nach Hause. Alleine können wir ihn nicht gehen lassen, also bestehen wir darauf, dass ihn seine Eltern abholen. Weinend wartet er, bis sie kommen.
Den Rest des frühen Morgens bis zur Besprechung verbringe ich mit der Dokumentation und dem Papierkram. Schlafen kann ich jetzt sowieso nicht mehr.
Postoperative Diagnosen und Todesursachen
Polytrauma nach Verkehrsunfall mit
-
Stumpfes Bauchtrauma mit intraabdomineller Massenblutung bei Zerquetschung großerAnteile des rechten Leberlappens (ICD10: S36.11) und Einriß der Vena cava inferior (ICD 10: S35.1)
-
Schweres Thoraxtrauma mit Rippenserienfrakturen beidseits und traumatischem Pneumothoraxlinks (ICD 10: S22.4B, S27.0L)
-
Herzstillstandbei Blutungsschock (ICD 10: I46, R57.9)
Um 04:25 wurde die Polizeistation über das Ableben derVerletzten informiert.
Epilog
Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf aus der Verwaltung. Der Freund des Mädchens möchte seine Freundin noch einmal sehen. Er wolle sie aber nicht nur aufgebahrt durch eine Glasscheibe sehen, sondern sie auch in den Arm nehmen. Die Eltern des Mädchens seien einverstanden und da ich Arzt sei, solle ich entscheiden, ob das aus hygienischen Gründen ginge. Ich sah darin kein großes Problem und als der Junge in Begleitung seiner Eltern und einer Seelsorgerin eintraf, ging ich mit ihnen in den Keller. Das Mädchen war dort aufgebahrt worden, allerdings so, dass man sie vom Andachtsraum durch eine Glasscheibe betrachten konnte. Da wir direkt zu dem Mädchen hin wollten, mussten wir durch den Sektionsraum gehen, dessen Bestimmung, zumindest für meine Augen recht eindeutig ist. Wie dieser Raum auf den Rest der Gruppe wirkte, kann ich nicht sagen. Bei dem Mädchen hielt die Seelsorgerin eine kurze Ansprache, wobei sie dem Mädchen den Kopf streichelte. Der Junge hatte nun wohl doch etwas Angst, sie anzufassen, umarmt hat er sie jedenfalls nicht. Er stand nur da, still, fassungslos, nicht einmal weinend. Die Mutter des Jungen weinte, sie hatte mir bereits in der Nacht, als sie den Jungen abholten, gesagt, dass das Mädchen wie eine Tochter für sie sei. Ihr Sohn und das Mädchen seien schon lange zusammen gewesen. Das Mädchen sah hübsch aus, blass natürlich, mit langen, blonden Haaren in denen sich bei genauem Hinsehen noch Reste von Dreck und Blut fanden.
An der Unfallstelle, an der ich öfter vorbeikomme, steht ein Kreuz mit dem Namen des Mädchens und einem Blumenstrauß...