wenn das vergebliche warten
vorbei ist
werde ich nach hause
gehen
die restlichen seiten des buches lesen
mich ins bett legen
und
weinen
Ich erinnere mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Ich war neun als wir in eine andere Stadt zogen, eine Kleinstadt mit ein paar tausend Einwohnern, alten Fachwerkhäusern, engen Gassen, einem Schloß, einem Bahnhof und viel Wald drumherum. Wichtiger für mich aber war, daß es viele Kinder meines Alters gab und nach und nach lernte ich die meisten von ihnen in der Schule kennen. Mit einem, der in meine Klasse ging und sogar in der selben Straße wohnte schloß ich ganz besonders Freundschaft.
Oft jedoch, wenn ich nachmittags mit ihm spielen wollte, hatte er keine Zeit für mich. Der Grund war die Bande, der er angehörte und jedes Kind in der Stadt hätte alles dafür gegeben, dabei zu sein. Doch es war nicht leicht, dort aufgenommen zu werden. Ein Mitglied der Bande mußte den Antrag auf Neuaufnahme stellen, dem alle zustimmen mußten. Außerdem mußte man irgendetwas als Einstandsgabe bringen, was der ganzen Bande zugute kam, und schließlich war eine Mutprobe zu bestehen.
Den Antrag, mich aufzunehmen würde mein Freund schon einbringen und auch über die Zustimmung brauchte ich mir kaum Sorgen zu machen, denn fast alle kannten mich mittlerweile von der Schule. Auch die Einstandsgabe war kein Problem für mich, denn durch den Umzug hatten wir allerlei Zeug im Keller, das wir in unserer neuen Wohnung nicht mehr gebrauchen konnten, wohl aber die Bande in ihrer Waldhütte.
Jedoch über die Mutprobe waren die wildesten Gerüchte im Umlauf und ich kannte einige, die mir zwar nicht sagten, woraus sie bestand, von denen ich aber wußte, daß sie dabei durchgefallen waren. Auch diejenigen, die schon dazugehörten erzählten mir grausige Geschichten, aber ich sagte mir, daß das wohl dazugehört um mir Angst einzujagen.
Mein Freund erklärte sich also bereit, mich als neues Mitglied vorzuschlagen und an dem Tag, als meine Aufnahme zur Debatte stand, wartete ich lange ungeduldig vor der Hütte der Bande bis mein Freund endlich herauskam und mir das positive Ergebnis brachte. Meine Eltern überließen mir einen alten Schrank, der schon fast auseinanderfiel, für unsere Hütte aber ein Schmuckstück war.
Eine Woche sollte es noch dauern, bis meine Mutprobe dran war. In dieser Zeit wurden mir gegenüber so viele Anspielungen über deren Gefährlichkeit gemacht und so viele Geschichten von Kinder erzählt, die noch Stunden danach einen Schreikrampf hatten oder nächtelang nicht schlafen konnten, daß mir doch langsam Angst und Bange wurde.
Endlich war es soweit. Wir sollten uns um drei Uhr nachts treffen und schon das war fast eine Mutprobe, denn unsere Eltern hätten das wohl kaum erlaubt. Doch sie schliefen fest, als ich mich aus dem Haus schlich und ich glaube, sie wissen bis heute nicht, daß ich diese Nacht nicht daheim verbrachte. Wir trafen uns bei der Hütte. Zuerst mußte ich einen heiligen Eid schwören, daß ich, egal wie die Mutprobe ausgeht, nie und niemandem sagen würde, woraus sie bestand. Dann nahmen sie mir meine Uhr ab, schlossen mich in der Hütte ein und sagten, daß sie mich in einer Stunde wieder herausholen, ich aber keinen Laut von mir geben dürfe. Wenn das alles ist..., dachte ich. Doch die Hütte lag natürlich im Wald, zwar nicht allzu weit von der Stadt entfernt, doch genug, um sich als neunjähriger Junge schrecklich alleine zu fühlen. Ein Käuzchen rief und mein Herz sackte mir in die Knie. Ich setzte mich. Vielleicht kann ich etwas schlafen, dachte ich und legte mich hin. Plötzlich knackte draußen ein Zweig. Ich saß senkrecht da und lauschte in die Nacht. Das Laub raschelte, dann wurde es still. Einen Augenblick später kreischte ein aufgeweckter Eichelhäher. Ich zitterte. Jedes Geräusch das ich hörte, ließ mein Herz schneller schlagen. Wieviel Uhr es jetzt wohl ist? Bestimmt ist noch nicht viel Zeit vergangen. Nach und nach wurde ich etwas ruhiger, aber an schlafen war nicht zu denken. Noch immer rief jedes Geräusch die grausigsten Phantasien in mir wach. Eine Ewigkeit verging und ich fühlte mich hundert Jahre älter bis endlich die Tür geöffnet wurde. Geschafft!, dachte ich erleichtert. Dachte ich! Denn der Anführer sagte: "Jetzt kommt der zweite, härtere Teil." Was haben sie denn noch mit mir vor, ich bin doch schon mit den Nerven am Ende. Was um Gottes Willen kann denn noch schlimmer sein? Sie führten mich durch den Wald. Hier war ich noch nie gewesen. Nach einiger Zeit kamen wir zu einem Bahndamm. Die Strecke lief einen kleinen Hang herab an uns vorbei in Richtung Stadt. Der Anführer stellte sich vor mich. "Du kannst jetzt noch zurücktreten, aber dann verlierst du alle Rechte auf Mitgliedschaft. Ebenfalls wenn du nur einen Ton sagst oder gar schreist. Wir werden dich jetzt fesseln und dann auf die Schienen legen." Er hielt mir meine Uhr vor die Augen. "In einer halben Stunde kommt ein Zug. Kurz vorher werden wir dich runter holen. Willst du noch etwas sagen?". Ich schüttelte nur den Kopf. Sie banden mir Hände und Füße und befestigten das Seil so, daß ich mich nicht bewegen konnte. Vor mich legten sie meine Uhr, so daß ich die Zeit sah. Sie gingen fort und ich war wieder alleine. Noch zwanzig Minuten. Wieder rief ein Käuzchen, knackte ein Zweig, raschelte das Laub. Wieder schlug mir das Herz bis zum Hals. Diesmal war noch nicht einmal mehr die Hütte um mich, die mir jetzt so sicher vorkam. Wenn nun ein Wolf kommt ... Unsinn, hier gibt es schon lange keine Wölfe mehr. Wenn sich aber doch noch einer hierher verirrt hat ... ? Die Phantasie ging mit mir durch. Noch zehn Minuten bis der Zug kommt. Wann holen sie mich ? Vorher, ja, aber wann ? Ich versuchte mich zu bewegen, es ging nicht. Was war das ? Nur das Laub, wahrscheinlich nur eine Maus. Noch fünf Minuten. Bald müssen sie kommen. Bestimmt! Ein Rauschen. Nur der Wind, der durch die Bäume streift. Wann kommen sie denn endlich? Noch zwei Minuten. Ihr habt mich lange genug gequält, reicht es euch denn immer noch nicht? Die Zeit war um, jetzt mußte der Zug kommen. Wo bleibt ihr denn? Ich versuchte den Kopf zu drehen, aber ich konnte nichts sehen. Ihr könnt mich doch nicht hier liegen lassen! Ich sah den Hang hinauf. Bitte, bitte holt mich doch endlich, der Zug muß doch gleich kommen! Plötzlich sah ich Licht. Gott sei Dank ihre Taschenlampen! Aber warum sind es nur drei? Und so regelmäßig wie die Ecken eines Dreiecks. Sie kommen auf mich zu! Viel zu schnell ! Es sind gar nicht meine Freunde, es ist der Zug! Die Lichter kamen den Hang herab genau auf mich zu. So kommt doch! Schnell! Schnell! Holt mich hier runter! Ihr könnt mich doch nicht sterben lassen! Schnell, er kommt immer näher! Warum darf ich nicht schreien? Helft mir doch! Er ist gleich hier! Ich betete: Oh Gott, lieber Gott! Laß meine Freunde doch kommen und mich retten! Gott, hilf mir! Die Lichter werden immer größer, ganz schnell! Gleich wird mich der Zug überfahren! Nein! Nein! Hilfe! Als die Lichter kurz vor mir waren konnte ich nicht mehr. Ich machte die Augen zu und schrie so laut ich konnte, gerade in dem Augenblick, als meine Freunde ihr selbstgebasteltes Schienengefährt, an das sie drei Taschenlampen gebunden hatten, anhielten.
Die Bahnstrecke war schon lange stillgelegt und wurde nicht mehr benutzt, außer in manchen Nächten, wenn wieder ein Kind Mitglied der Bande werden wollte, für seine Mutprobe.