Begegnungen

Zufälliges Gedicht:

warten

wenn das vergebliche warten
vorbei ist
werde ich nach hause
gehen
die restlichen seiten des buches lesen
mich ins bett legen
und
weinen

Frohe Weihnachten

Es war kurz vor Weihnachten. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, aber inzwischen war wieder alles getaut und auf den Straßen blieben nur die Pfützen, mit denen die Autofah­rer unvorsichtige Fußgänger bespritzen.

Die Straßenbahn war voll, aber ich hatte noch einen Sitz­platz. Mir gegenüber saß ein älterer Herr, vielleicht so um die siebzig, mit einem grauen Wintermantel und einem Hut. Er sah noch recht gesund aus und an seinen Händen konnte man sehen, daß er sich seinen Lebensunterhalt nicht mit körper­licher Arbeit verdient hatte. Seine Kleidung und eine goldene Uhrkette, die unter seinem Mantel hervorsah ließen vermuten, daß er wohlhabend war.

An der nächsten Station stiegen noch Fahrgäste zu, unter ih­nen ein anderer Mann seines Alters, aber zweifellos gebrech­licher, denn es fiel ihm schwer, die Stufen hochzusteigen und selbst als er oben war mußte er sich beim Gehen auf ei­nen Stock stützen während er sich mit der anderen Hand fest­hielt. Da kein Platz mehr frei war, stand ich auf und bot ihm meinen an. Schwerfällig und mit einem leichten Stöhnen, aber ohne ein Wort des Dankes ließ er sich darauf nieder. Der andere Mann sah von seiner Zeitung auf.

"Ach, Herr Paul ! Was für ein Zufall, Sie hier zu treffen !"

"Ei Herr Groth", erwiderte der Mann auf meinem Platz in ei­nem nicht ganz zu verbergenden Frankfurterisch, "Ich hab' Sie gar nicht gesehen, hinter Ihrer Zeitung. Wie geht es den Ihnen und Ihrer Frau ?"

"Danke, gut. Und bei Ihnen ? Ich habe Sie ja lange nicht mehr gesehen."

"Ach, wisse se, es wird immer schlimmer mit den Beinen. Wenn man älter wird, geht's halt nicht mehr ganz so, wie man will. Ich komm jetzt nur noch selten in die Stadt."

Die Straßenbahn fuhr um eine Kurve und ein Junge, der im Gang gestanden und sich nicht richtig festgehalten hatte, fiel gegen Herrn Groth.

"Unverschämtheit!", sagte dieser laut und stieß das Kind weg, "kannst du nicht aufpassen!"

"Die Jugend von heut' wird auch immer frecher.", meinte Herr Paul, "vorhin ist so einer mit sonem Brett, Skateboard oder wie das heißt, an mir vorbeigerast, daß ich richtig er­schrocken bin."

"Die Eltern erziehen ihre Kinder halt nicht mehr richtig. Früher gab es einfach ein paar hinter die Ohren, wenn man nicht pariert hat. Aber heute muß es ja 'Antiautoritär' sein."

"Was da dabei rauskommt, das sieht man ja überall. Vorhin am Bahnhof, wie ich die ganzen langhaarigen und drogensüchtigen gesehen hab', da ist mir richtig schlecht geworden."

"Ja, ja, da müßte mal richtig hart durchgegriffen werden ! Früher hätte es so etwas nicht gegeben, die hätte man gleich ins Gefängnis gesteckt."

"Oder zum Militär. Aber selbst da herrscht ja heut' keine Zucht und Ordnung mehr. Zu meiner Zeit, da war das die Schu­le für's Leben, aber durch diesen Quatsch mit diser 'Krigs­dienstverweigerung' können sich ja sowiso die meisten drücken."

"Da, haben sie das gesehen ?", rief Herr Groth und zeigte aus dem Fenster, "Da ist wieder so ein langhaariger Fahrrad­fahrer bei Rot über die Ampel. Kein Wunder, daß die keine Arbeit bekommen, bei der Disziplinlosigkeit. Die wollen ja gar nicht anständig arbeiten."

"Wissen se, Herr Groth, wir hätten viel weniger Probleme, wenn man das ganze Gesocks einfach einsperren würde, damit man wieder ruhig durch die Straßen gehen kann. Und die gan­zen Ausländer und Asylanten sollten sie auch nach Hause schicken. Die machen unsere Straßen nämlich auch unsicher. Ich hab' manchmal richtig Angst, wenn ich fast als einziger Deutscher hier in der Straßenbahn sitze. Aber das darf man ja auch nicht mehr sagen, da ist man ja gleich wieder ein alter Nazi."

"Recht haben Sie ! Aber ganz unter uns : Fast könnte man wieder dazu werden, wenn man das alles sieht. Das gab es da nämlich nicht. Aber jetzt muß ich aussteigen. Also, Herr Paul, auf Wiedersehen und frohe Weihnachten."

"Ja, frohe Weihnachten !"