ich bin traurig !
aber
es hat keinen sinn
ein trauriges gesicht zu
machen
denn es ist keiner da
mit dem ich über
meine
traurigkeit
reden kann
Wir sahen uns tief in die Augen. Lange saßen wir so da, ohne ein Wort zu sagen. An der Wand tanzten unsere Schatten, die die Kerze warf deren Licht in ihren Augen glänzte. Ich war es, der den Blick als erster senkte. Wie soll ich das hier verstehen. Es ist doch das, was ich mir die ganzen letzten Wochen erträumt habe, seit ich sie kenne. Aber ist es das was ich will, wirklich will ? Ich weiß es nicht.
Zum ersten Mal haben ich sie auf der Fete gesehen. Es war eine von den Feten, auf die man von einem flüchtigen Bekannten eingeladen wird, auf die man geht, weil man nichts besseres vor hat und auf der man keinen Menschen kennt, außer natürlich diesen Bekannten, und den nur flüchtig. So stand ich da, an einen Türpfosten gelehnt, einem Platz mit größtmöglichster Übersicht, Bierflasche in der einen, Zigarette in der anderen Hand, diesen Ort nur ab und zu verlassend um die Flasche auszuwechseln oder noch etwas von dem erstaunlich guten Salat zu probieren, und beobachtete die Leute. Die eine oder der andere kam mir bekannt vor, ich hatte aber wohl mit niemanden je ein Wort gewechselt, außer an diesem Abend mit dreien oder vieren bei den Bierkästen oder am Salattisch und auch das ging über den üblichen Fetensmalltalk nicht hinaus. Ich verbringe den Abend lieber schweigend als mich so oberflächlich zu unterhalten und nachher nachdenken zu müssen, worüber man eigentlich geredet hat. Nicht, daß mir diese Menschen unsympathisch waren, ganz im Gegenteil, mit manchen hätte ich sicher ganz gerne mal länger gesprochen, aber ich war nicht so recht in Stimmung aus mir herauszugehen und die, die mir ganz nett vorkamen anzusprechen.
Ich stand einfach nur da, sah und hörte zu und auch das war ganz lustig, vor allem je weiter der Abend voranschritt, denn so hörte ich unter anderem Männergespräche über Frauen, Frauengespräche über Männer und Liebesgeflüster zwischen Pärchen. Den beiden zum Beispiel, die gerade vor mir saßen, waren offensichtlich zu viele Menschen hier und ihren Worten und Blicken konnte ich entnehmen, daß sie, als sie aufstanden und sich verabschiedeten, zwar nach Hause und ins Bett gehen würden, wohl aber kaum, um gleich einzuschlafen. Ich mußte ein bißchen grinsen.
"Du scheinst dich auch ganz gut zu amüsieren ?"
Ich hatte gar nicht bemerkt, daß sie schon eine ganze Weile am anderen Türpfosten stand und das gleiche tat, wie ich. Ich sah sie an.
"Doch, ganz lustig hier", sagte ich nichtssagend und ärgerte mich, daß mir nichts intelligenteres eingefallen war. Sie war etwas kleiner als ich, nicht sehr viel, gerade so, daß ich auf den Ansatz ihrer blonden Haare sah, die ihr in leichten Dauerwellen bis auf die Schultern fielen. Ihre blaßblauen Augen betrachteten mich und nur ein leichter Schatten über ihnen zeigte, daß sie sich geschminkt hatte und dabei nicht gleich in den Farbtopf gefallen war, wie die meisten anderen Frauen hier. Sie war kräftig gebaut, ohne dick zu sein aber auch ohne die, für viele meiner Bekannten unbegreiflicher Weise vorbildliche Figur eines fast verhungerten Fotomodells. Sie war hübsch, jedenfalls für meinen Geschmack.
"Na, Inspektion beendet ?"
Ich hatte sie wohl etwas zu lange und zu offensichtlich gemustert.
"Ja", sagte ich.
"Und?"
"Akzeptiert."
Sie lachte.
Wir kamen ins Gespräch, redeten über Gott und die Welt, ganz offen, fast intim, auch über die privatesten Dinge. Es dämmerte draußen schon, als uns der Gastgeber mit freundlichen Worten hinauswarf.
"Wo mußt du hin ?", fragte sie, als wir draußen waren. Ich zeigte in meine Richtung.
"Tja, ich muß in die andere Richtung. Also dann, mach’s gut, bis irgendwann mal"
Sie zögerte etwas, dann gab sie mir plötzlich einen Kuß und bevor ich reagieren konnte ging sie, sah sich nach drei Schritten noch einmal um und winkte mir zu.
Langsam machte ich mich auf den Heimweg, während die Vögel anfingen zu singen und mir die ersten Menschen mit noch müdem Gesicht auf ihrem Weg zur Arbeit entgegenkamen. Noch einmal ging mir der Abend durch den Kopf. Worüber hatten wir alles geredet ? Was hatte sie mir erzählt ? Was wußte ich von ihr ? Sie war Erzieherin. Ich mußte innerlich lachen. Sie war nicht die erste, die ich kannte. Irgendwie scheine ich einen Hang zu Frauen in sozialen Berufen zu haben. Sie arbeitete in einem Heim für "schwer erziehbare" Kinder und betreute dort eine Gruppe Jugendlicher. Sie hatte mir von einem Mädchen aus ihrer Gruppe erzählt. Das Mädchen war sechzehn, hübsch und konnte unheimlich lieb sein. Als Kind war sie von ihrem Vater sexuell mißbraucht worden, hatte inzwischen schon einige Beziehungen hinter sich, in denen sie teilweise geschlagen und zu allem Möglichen gezwungen wurde. Im Moment war sie mit einem Zivildienstleistenden des Heimes zusammen, der zwar sehr nett war, aber nicht nein sagen konnte und sich von ihr immer wieder einwickeln ließ. Sie war mit der Schule fertig und mußte sich für eine Ausbildung entscheiden, hatte aber schon alles Mögliche ausprobiert und abgebrochen. Sie wußte nicht, was sie wollte, wäre am liebsten gar nicht arbeiten gegangen. Auch die Erzieher hatten es nicht leicht mit ihr, denn obwohl sie ziemlich viel anstellte und auch manches Mal über Nacht weggeblieben war konnte sie unheimlich lieb und ernsthaft sein und man war in Versuchung, ihr Vertrauen zu schenken, was aber auch schnell von ihr ausgenutzt wurde. Diese Geschichte kam mir bekannt vor, denn ich habe selbst einmal ein solchen Mädchen erlebt und auch von anderen ähnliche Dinge erzählt bekommen.
Dann erzählte sie mir von ihrem zwiespältigen Verhältnis zu ihrem Vater, das geprägt ist von einem Kindheitserlebnis während ihrer Pubertät, wodurch ihr Vertrauen zu ihm verloren ging obwohl sie sich sonst nicht schlecht mit ihm Verstand. Ihre letzte Beziehung war zerbrochen, weil sie kaum über das Niveau des Bettes hinausgegangen war und nun verbrachte sie ihre Abende, sofern sie keinen Dienst hatte, mit Sport, mit Tanzen und Singen und hin und wieder in einer Kneipe, wo sie sich mit einer Freundin traf. Bis auf die Kneipe alles Beschäftigungen, die mir, da ich es mit Winston Churchills Antwort auf die Frage, warum er so alt geworden sei : "No Sports ! Just Whisky and Ciggars !" halte, äußerst fern lagen. Dies alles und noch mehr hatte ich also von ihr auf dieser Fete erfahren, doch gerade als ich meine Haustüre aufschloß während die ersten Strahlen der Sonne mich erreichten, viel mir mit Schrecken ein, was ich nicht von ihr wußte : Ihren Namen !
Als ich am Mittag aufwachte stellte ich enttäuscht fest, daß das Bett neben mir leer war. Im Traum hatte sie an meiner Seite gelegen, mich zärtlich küssend und streichelnd um unter meinem Liebkosungen in meine Armen einzuschlafen. Mir brummte der Schädel. Duschen, Kaffeekochen, Brötchenholen, Frühstücken, alles tat ich träge und lustlos. Draußen war herrliches Wetter, viel zu schön für meine Laune. Wir kann man nur so blöd sein. Keinen Namen, nicht einmal den Vornamen, keine Adresse, nichts. Ich dachte nach, suchte nach einem Anhaltspunkt. Die Kneipe ! Wie hieß denn gleich noch die Kneipe in die sie ab und zu ging. Ich verfluchte das gestrige Bier. Es war ein Kneipe, die ich nicht kannte. Ich brachte den Namen nicht mehr zusammen. Also, Telefonbuch raus, vielleicht fällt er mir ein, wenn ich ihn lese. G wie Gaststätten : Adler, Adlerstube, Alexis Sorbas, Balkan Grill und so weiter. Scheune ! Das war's !
Jeden Abend verbrachte ich dort und jedesmal wechselte mein Herz den Takt, wenn die Tür aufging und sie wieder nicht hereinkam. Jeden Abend von acht bis mindestens Mitternacht sah ich der Tür beim auf- und zugehen zu und viele Menschen, die hereinkamen und hinausgingen. Jeden Abend legte ich mich mit der Hoffnung ins Bett, daß sie morgen kommen möge. Jede Nacht, und nicht nur nachts, träumte ich von ihr, von Zärtlichkeiten, Spaziergängen, Küssen. Jeden Tag war sie in meiner Phantasie bei mir, ging ich Arm in Arm mit ihr durch die Stadt, lag mit ihr in zärtlicher Umarmung im Bett. Ich mußte sie Wiedersehen.
Am achten Abend kam sie. Die Tür ging auf und sie war es wahrhaftig. Mein Magen drehte sich wie eine Waschmaschinentrommel. Was sage ich ihr bloß, warum ich hier bin ? Ich kann ja schlecht sagen: 'du ich hab' mich total in dich verliebt, ich mußte dich hier treffen'. Als sie mich sah, lachte sie und ich brauchte mir keine Ausrede zu suchen. Sie wußte es sowieso.
"Na, wie lange wartest du schon hier ? Tut mir leid, aber letzte Woche hatte ich ziemlich viel Bereitschaft. Als ich festgestellt habe, daß ich noch nicht mal deinen Namen weiß, hab' ich gehofft, daß du mich hier suchst."
Sie und ihre Freundin, die bei ihr war, setzten sich.
"Das ist Claudia", stellte sie sie mir vor, "und damit du hier nicht wieder jeden Abend auf mich warten mußt, gebe ich dir gleich meine Adresse."
Wir tauschten also unsere Adressen und unterhielten uns wieder den ganzen Abend, zu dritt bis ihre Freundin uns verließ, so gegen Mitternacht, dann nur noch wir beide, bis die Kneipe schloß. Beim Abschied gab es wieder einen Abschiedskuß, den ich aber diesmal Gelegenheit hatte, zu erwidern. Auch gab es kein "bis irgendwann mal", sondern eine feste Verabredung und seitdem sahen wir uns ein bis zweimal die Woche, in der Kneipe, auf einem Konzert, bei einer Aufführung ihrer Musicalschule, alles Aktivitäten, auf die ich ohne sie nie die Idee gekommen wäre zu tun, bis zu diesem Abend bei ihr mit Kerzenlicht, an dem wir uns tief in die Augen sahen, bis ich meinen Blick senkte, weil ich dem ihren nicht standhielt.
Ich hatte plötzlich Angst. Angst, den selben Fehler zu machen, wie schon viele Male zuvor, nämlich in meiner Verliebtheit die Realität zu vergessen und die Realität, so meinte ich war, daß wir uns unterschieden, daß wir völlig verschiedene Interessen hatten und daß das was sie begeisterte mir egal war und umgekehrt. Ich hatte Angst vor der Erkenntnis, eine Beziehung einzugehen, die mich zwar sicher für eine Weile glücklich gemacht hätte, früher oder später aber an unseren Unterschieden um so schmerzhafter auseinandergebrochen wäre. Ich hatte einfach Angst vor dem Risiko, das jede Beziehung in sich birgt. Sie sah es mir an und als ich aufstand und sagte "Ich muß jetzt ...", wußte sie daß ich log und akzeptierte es mit einem leichten, traurigen Kopfnicken. Als ich die Tür hinter mir schloß, diesmal ohne Abschiedskuß, hatte sie feuchte Augen und mir wurde klar, daß wir uns lange nicht mehr sehen und daß sie, genauso wie ich als ich daheim im Bett lag, weinen würde.
Jahre später traf ich sie wieder. Sie erkannte mich nicht und ging in der Fußgängerzone an mir vorbei, Arm in Arm mit einem Mann, der den Kinderwagen schob und mir wurde bewußt, daß ich, selbst wenn ich mich nicht als Ehemann und Vater vorstellen kann, an jenem Abend durch meine Angst eine Chance verpaßt habe.