Es gibt mir jedesmal einen Stich im Herzen, wenn ich einen Penner an einer Hauswand oder auf einer Parkbank liegen sehe und ich muß stehenbleiben und gehe erst weiter, wenn ich erkenne, daß sich der Brustkorb hebt und senkt oder sonst ein Lebenszeichen zeigt.
Vor einigen Jahren traf ich, wenn ich zu einem meiner Bekannten ging, einen alten Mann, der immer an der gleichen Stelle in einer Nische der Hauswand in der Nähe des Kiosk saß. Einmal sprach er mich an, als ich vorbeikam. Er ging langsam und schwerfällig auf mich zu, sah mich an und brummelte etwas, daß ich nicht verstand. Ich blieb stehen und sah ihn fragend an. Er brummelte wieder etwas und führte dabei den gestreckten Zeige- und Mittelfinger zum Mund. Ich gab ihm eine Zigarette und blickte in sein Gesicht. Seine Augen sahen mich dankbar an. Sie saßen tief in der Höhle, unter ihnen seine eingefallenen Wangen, ein zahnloser Mund und ein unrasiertes Kinn. Die Haut war gelblich und faltig und schien nur seine Knochen zu umhüllen. An seinem Platz vor der Hauswand standen Plastiktüten und es war unschwer zu erkennen, daß sie Flaschen enthielten. Während ich in sein altes, trauriges Gesicht schaute war mir klar, daß er den nächsten Winter nicht überleben würde.
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbei kam und er dasaß, in sich zusammengesunken, oder versuchte zu stehen und sich kaum auf den Beinen halten konnte, ging ich zu ihm und gab ihm eine Zigarette, für die ich ein dankbares Glänzen in seinen Augen erntete. Eines Mittags lehnte er an der Hauswand, sein Kopf war leicht nach hinten gefallen, sein Mund etwas geöffnet als schliefe er und so ging ich weiter, wie alle anderen Menschen auch, die schnell und ohne einen Blick für ihn vorbeihasteten.
Ich ging zu meinem Bekannten und kam erst Stunden später wieder zurück. Er lag noch genau so da wie auf dem Hinweg, schien sich keinen Millimeter bewegt zu haben. Ich blieb vor ihm stehen. Seine Lippen waren noch blasser, sein Gesicht noch eingefallener, seine Hände noch faltiger als sonst. Langsam ging ich in die Hocke, ließ den Blick nicht von seiner Brust. Nein, sie bewegte sich nicht. Ich streckte die Hand aus und berührte ihn am Hals. Sie zuckte zurück. Er war eiskalt. Ich versuchte den Puls zu finden, vergeblich. Ganz langsam stand ich auf und sah mich um. Keiner beachtete uns. Erst als die Polizei kam, der Arzt, der Leichenwagen, blieben sie neugierig stehen und sahen den alten Mann, der vor unser aller Augen ganz einsam gestorben war.
Sein Platz an der Hauswand ist nicht leer geblieben. Ihn hat jetzt ein anderer, der vielleicht noch einige Jahre dort sitzen und um Zigaretten oder Geld für Essen und Alkohol bitten wird, bis er einschläft und nicht mehr aufwacht, allein und unbemerkt inmitten der vielen Menschen.